Viehtrieb Liebnau 2009

 

Im Minutentakt kommen auf dem Hof der Stiftung Liebenau in Meckenbeuren-Liebenau Pferdehänger an. Menschen in kompletter Cowboy-Montur sind unterwegs: Stiefel, Caps, langer Wachsregenmantel und Cowboyhut, jedoch keine finsteren Blicke und keine rauchenden Colts – und zum Mittagsduell oder High Noon ist es noch zwei Stunden zu früh. Einen Moment fühlt ich mich in den Wilden Westen versetzt. Doch der moderne Cowboy ist heutzutage mit Sprechfunk und Handy „bewaffnet“.

Was ist hier nur los? „Wir treiben dieses Jahr zum zweitenmal unsere Rinder von der Sommerweide aus Rosenharz hierher zum Überwintern in den Stall“, erklärt Jürgen Ardelt, Leiter der Landwirtschaft des „Liebenauer Landlebens“. 65 Kühe, ein Bulle und 35 Jungtiere warten auf ihren Abtrieb. „Für die Rinder ist es wesentlich stressfreier, als sie an einem Tag auf der Weide in kleine Gruppen einfangen zu müssen, zu verladen und hier nach Liebenau in den Stall zu bringen.“ Mittlerweile ist die Gruppe von rund 25 Reiter und mindestens ebenso viele Treiber, auch gerne Fußvolk genannt, um uns versammelt. Jürgen Ardelt weiter: „In diesem Zusammenhang kommt der Spaß für die Reiter natürlich nicht zu kurz. Oder wo hat man die Chance, in Deutschland bei einem berittenen Viehtreck mitzumachen?“ Ein Mitarbeiter der Stiftung Liebenau, Stefan Arnegger: “ Wer nun meint wir reiten hier einfach nur in paar Rindern hinterher hat sich anständig getäuscht. Denn das ist wirklich richtig Arbeit.“

Unterstützt werden die Reiter in Liebenau vom schwäbischen Cowboy Willi Wolf. Er hält in Steinhilben auf der Schwäbischen Alb Büffel, die er bereits seit Jahren mit Pferden von Weide zu Weide treibt. Nach einer kurzen Lagebesprechung bricht auf dem Libenauer Hof kontrollierte Hektik aus. Zeitgleich werden viele Pferdehänger geöffnet. Die Pferde werden herausgeführt, gesattelt und aufgetrenst.

Trotz regen Treibens bleiben Reiter und Tiere gelassen. Bei vielen Reitern ist ein verschmitztes Lächeln zu beobachten. Denn schließlich geht es gleich richtig los. Nachdem fast alle Reiter aufgesessen sind und fest im Sattel sitzen. Bewegt sich der ganze Tross aus Pferden und einer Kutsche sowie diversen Begleitfahrzeugen mit Viehhängern langsam in Bewegung. Ich selbst nehme in einer der Begleitfahrzeuge Platz. Leider ist es mir dieses Jahr noch vergönnt mit zu reiten. Wir fahren auf der Strasse etwas voraus und warten an einem abgemachten Sammelpunkt in Richtung des kleinen Örtchens Rosenharz.

Eine gute halbe Stunde später sehe ich die ersten Pferde und Reiter über die Hügel Kuppe kommen. Der Ausritt bis zu diesem Zeitpunkt verläuft ohne zwischen Fälle. Kurz vor Ankunft in Rosenharz gehen mit einigen der Jungs – auch ein paar Mädels sind darunter – sprichwörtlich „die Gäule durch“. In John-Wayne-Manier fetzen sie in einem gestreckten Galopp über die abgeernteten Äcker.

Durch die Scheiben des Begleitfahrzeug ist zu sehen das einer der Reiter die sprichwörtliche Ruhe in diesem ganzen Trubel bewahrt – das ist der schwäbische Cowboy Willi Wolf. Zum einen schont er die Kräfte seinens Pferde und sondiert dabei die Umgebung. Um so auf jegliche Überraschung die kommen könnte vorberietet zu seine. Denn einen Satz wurde mir zu Anfang gleich eingetrichert. „Die Herde sucht sich ihren Weg!“ 

Ein Jahr ist es nun her, dass die Rinder zum ersten Mal von Rosenharz über Tennenmoos nach Liebenau getrieben wurden. Auch in diesem Jahr beobachten die Rinder neugierig das Treiben mit den vielen Pferden vor ihrer Weide. Als die Rinder aus iher weide getrieben werden, sollte sich der oben genannte Satz bewahrheiten. Die Herde sucht sich Iren Weg! Anfangs sind die Rinder in ihren heimischen Gefilden noch Herr der Lage und tricksen die Reiter aus: Wie an einer Schnur gezogen, biegen sie einfach auf eine andere Weide ab. Ich und ein paar wenige Zaungäste können uns darüber natürlich nur köstlich amüsieren. Doch Willi Wolf und die Reiter aus Liebenau haben die Situation schnell wieder unter Kontrolle und die Rinder haben für den Viehtrieb Liebenau 2009 nun den richtigen Weg eingeschlagen.

Bis zu diesem Zeitpunkt verläuft alles nach Plan. Doch dann ist plötzlich Hektik angesagt. Ein Rind hat sich in den am Weg entlang führenden Bach verirrt. Alle packen mit an und versuchen, das Tier aus dem Bach zu treiben. Doch das Rind flüchtet sich auf die andere Seite des Baches. Ein sofortiges herran kommen ist nicht möglich da der Bach zu breit zum überspringen ist. Hilfe naht durch einen Reiter der Gruppe der einige 100 Meter den Bach überquert hat. Er treibt das Rind zurück zur Herde.

Keine zehn Minuten später landet erneut ein Rind im Bach. jedoch läuft es diesesmal nicht alles so glimpflich ab. Das Tier bleibt, natürlich wieder auf der andern Seite des Bachufers, im Morast stecken. Da allerdings einige Meter weiter nur einen Brücke ist können wir recht schnell bei dem Rind sein und ihm mit vereinten Kräften helfen. Doch selbst der Versuch, es mit Hilfe von zwei angespannten Kutschpferden aus dem Morast zu ziehen, scheitert. Das aufgeregte Tier muss zunächst einaml neue Kräfte sammeln. Eine gute Viertelstunde später schafft es auch dieses Rind wieder zurück zu seiner Herde.

Mittlerweile hat der Tross die Ortschaft Tennenmoos erreicht. Dieses Jahr läßt der Viehtrieb die kleine Ortschaft links liegen. Nach einer kurzen Pause geht es weiter in Richtung Kieswerk in Liebenau. Bis auf ein paar Nachzügler verläuft alles nach Plan.

Doch dann der Eklat: Kurz vor Ende des Abtriebs splittet sich die Viehherde. Oberhalb des Kieswerks versuchen einige Rinder, eine Abkürzung durch ein extremes Dickicht zu nehmen. Die Reiter und das Fußvolk haben alle Hände voll zu tun. Ein Durchkommen von Pferd und Reiter ist hier nicht mehr möglich. Jetzt heißt es absitzen und zu Fuß weiter durchs das Gebüsch. Kurz vor Schluss der erste Unfall: Ein Pferd kommt einem Rind zu nahe und wird durch ein Horn verletzt. Sofort ist Tierarzt Hubert Baumann zur Stelle. Das Tier wird noch vor Ort in Liebenau unter Narkose mit einigen Stichen genäht. Nach einigen Stunden ist alles wieder in Ordnung.

Fast alle Rinder konnten dank beherzten Eingreifens einiger Reiter endgültig in Richtung Liebenau getrieben werden. Die letzten Tiere widersetzen sich jedoch beharrlich den Treibern. Mit einiger Verspätung gelingt es den Helfern, die letzten Rinder einzufangen. Zur Belohnung gib es für alle Beteiligten eine warme Mahlzeit. Weil die Aktion bei den Teilnehmern so gut ankam, soll es eine Wiederholung geben.

Somit geht für mich auch ein Tag fast wie im Wilden Westen zu Ende. Zu Anfang fuhr ich noch mit einem Begeleitfahrzeug mit. Das von mir zum guten Schluß doch noch gegen ein Pferd, ein Pony ausgetauscht wurde. Denn kurzerhand wurde aus mir ein Pferdeführer gemacht. Denn dank dem zuvor beschriebenen Dickicht waren mehr Treiber gefragt als das zu Verfügung standen. Doch in diesem Zusammenhang wurde die Berichterstatter einfach einwenig zurückgeschraubt. Denn das Wohl der Tiere geht hier vor.

Eins ist sicher: Das nächstemal werde ich wieder mit dabei sein; doch dann auf dem Rücken eines Pferdes, denn bekanntlich liegt dort das Glück der Erde. Das konnte man bei allen Reitern die zurück kamen ansehen, die zwar alle matt schienen, dennoch mit strahlenden Augen und einem zufriedenen Lächeln auf dem Liebenauer Hof eintraffen. Freuen wir uns auf ein Wiedersehen 2010 zum nächste Liebenauer Viehtrieb.

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